Leseprobe

aus dem Buch

"Bruchteil der Wahrheit"

Ein Jahrhunderte altes Medizinerbuch enthüllt das Wissen der frühen Ärzte

   Bitte lies das Vorwort vor den beiden Pflanzenkapiteln  

Vorwort

Ich habe dieses Buch zum ersten Mal gesehen, als ich noch ein Kind war. Es stand in der Glasvitrine meiner Großmutter – zwischen wenigen ausgewählten Dingen, die sie besonders hütete.

Ich weiß nicht, warum mich dieses Buch so anzog. Vielleicht war es der Einband, vielleicht etwas anderes, das ich damals nicht benennen konnte. Ich fragte mich jedes Mal, wenn ich es sah: Was steht wohl darin? Erst kurz vor dem Tod meiner Großmutter erfuhr ich es:

Es ist ein Kräuterbuch. Ein altes. Ein besonderes.

Ich bat sie damals, mir das Buch zu hinterlassen. Es war das Einzige, was ich mir von ihr wünschte.

Was dann folgte, war eine Geschichte, wie sie nur Familien schreiben können. Meine Großmutter starb 2012. Die Erbschaft wurde zum Streit. Eine Tante, die das Buch weder kannte noch liebte, nahm es an sich – nicht, weil sie es wollte, sondern weil sie mir nicht gönnte, es zu bekommen.

Jahre vergingen. Fast zwölf Jahre.

Dann kaufte meine Patentante das Buch aus der Erbgemeinschaft heraus – für mich. Und plötzlich hielt ich es in den Händen.

Ich drehte es um. Betrachtete es von allen Seiten. Und da, auf dem Buchrücken, ganz klein: meine Initialen. Eingeritzt. In Kinderschrift. Ich hatte keine Erinnerung daran – aber irgendwann, als kleines Mädchen, muss ich heimlich die Vitrine geöffnet und dieses Buch markiert haben. Als wäre mir damals schon klar gewesen: Das ist meins.

Vielleicht war es das immer.

Als ich anfing, die Seiten zu lesen, verstand ich, warum. Dieses Buch enthält Wissen, das über Jahrhunderte bewahrt wurde – und das in unserer heutigen Zeit kaum jemand noch kennt.

Die Ärzte des 17. Jahrhunderts behandelten mit Pflanzen, was wir heute kaum für möglich halten: Epilepsie, Melancholie, Schlaganfälle, Hirnhautentzündungen, Geschlechtskrankheiten, schwere Fieber. Mit einer Selbstverständlichkeit, die mich immer wieder verblüfft. Dieses Wissen ist nicht überholt – es ist vergessen. Und genau das wollte ich ändern.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, dieses Buch neu zugänglich zu machen – nicht um das Original zu verändern, sondern um es lesbar, verständlich und einordbar zu machen. Für alle, die neugierig sind. Für alle, die spüren, dass in alten Dingen oft mehr steckt, als wir ahnen.

Aufbau des Buches

Das Werk folgt einer zweiteiligen Struktur:

Jede Pflanze beginnt mit einer 99%-igen 1:1 Transkription des Originaltextes – mit alter Rechtschreibung, Eigenheiten und den oft kuriosen Ausdrucksweisen früherer Zeiten. Darauf folgt eine moderne Fassung in verständlichem Hochdeutsch, aber ich habe auch da ein paar Eigenheiten der Ausdrucksart aus dem 17. Jh. belassen, weil einem so das Lesegefühl etwas zurück in die Vergangenheit versetzt.

Ich möchte ausdrücklich dazu ermutigen, die historische Transkription aufmerksam zu lesen. In der Sprache des Originals liegt oft eine inhaltliche Tiefe, die sich in der modernen Übertragung nicht vollständig abbilden lässt – Begriffe, Nebenbemerkungen, Rezeptzusätze oder scheinbar beiläufige Formulierungen tragen Bedeutungen, die über das reine Verständnis hinausgehen. Das größte Erkenntnispotenzial liegt oft gerade in diesen unverfälschten Passagen.

Die Vier-Säfte-Lehre

Ein zentrales Fundament des historischen Heilwissens bildet die Vier-Säfte-Lehre nach Hippokrates.

Sie ging davon aus, dass Gesundheit vom Gleichgewicht der Körpersäfte abhängt – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Pflanzen wurden entsprechend ihrer Eigenschaften – warm, kalt, feucht oder trocken – eingesetzt, um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen.

Dieses Denkmodell erscheint uns heute fremd, prägte jedoch über Jahrhunderte die medizinische Praxis Europas. Eine Übersichtstabelle im Buch erklärt die Vier-Säfte-Lehre und hilft dabei, die Intensität und Wirkrichtung der einzelnen Pflanzen einzuordnen.

Zu diesem Band

Das Originalbuch umfasst 360 verschiedene Pflanzen – ein Umfang, der den Rahmen eines einzelnen Bandes bei weitem gesprengt hätte.

Dieser erste Band konzentriert sich daher auf 100 Pflanzen, von denen die meisten in der Schweiz/Deutschland/Österreich heimisch oder auffindbar sind. Weitere Bände werden folgen, um das gesamte Spektrum dieses überlieferten Wissens zugänglich zu machen.

Herzlichst,

Julia Müller

Salbei

1:1 Übersetzung aus dem Originalwerk

Salbey / im Lateinischen Salvia genañt / derer giebt es zweyerley Geschlecht / als Salvia major, breite Salbey / Salvia acuta nobilis, spitzige / edle / oder Creutz-Salbey / diese ist gebräuchlich / und ist die kleineste die beste. Über diese beyde giebt es noch eine Art Salvia sylvestris, oder wilde Salbey / diese wird nicht gebrauchet / sondern kömmet den Kräfften nach mit dem Scharlachkraut überein.

Die Salbey nennet man deswegen Salvia im Lateinischen / quia hominem salvum conservat / dieweil sie dem Menschen die Gesundheit erhält. Daher die Schola Salernitatis cap. LX. fragt:

Cur moriatur homo, cui Salvia crescit in horto.

Darauf die Antwort erfolget: Contra vim mortis non est medicamen in hortis.

Die Gestalt der grossen Salbey hat eine holzige Wurzel / daraus entspringen viel geviertete / holzige / rauchhärige / gräslich und grünlichte Stängel / mit länglichten / löchreten / weissgrauen / grünlichten und bräunlichten Blättern / die wohl riechen / und am Geschmack gewürtzhasft / ein wenig bitter und scharff sind / träget geährte blaue oder weiss purpur-braune Blumen / wie die taube Nessel / und in Saamen-Häuslein / einen schwarzlechten / länglichten und ecketen Saamen / allezeit vier Körnlein in einem Häuslein.

Die kleine Salbey ist der grossen nicht ungleich / hat aber doch kleinere Blätter / und unten an derselben noch zwey andere kleine Blätlein / wie ein Ohr gestaltet / im übrigen vergleichet sie sich mit der grossen / wächset gern an guten gedüngeten Orten / blühet im Julio und Augusto. Es wird gern Raute dabei gepflantzet / dieweil die Kröten / welche die Salbey sehr lieben / davon abgehalten werden / auch ander giftig Ungeziefer darbey nicht nisten möge.

In Apotheken hat man die Blätter und Blumen / und ist warm im 1. und trocken im 2. Grad / wird für ein specificum und appropriatum simplex zu dem kalten / blöden und feuchten Gehirn / Nerven und Mutter gehalten / wie von Fernelio bezeuget wird. Sonst ist die Salbey eines von den bekanntesten Kräutern / und thut sehr gut dem menschlichen Leben / und kan sowol in der Artzney als in der Küche gebraucht werden / aber am sichersten / daß man solche / wie auch alle Kräuter / die man im Leib gebrauchen will / vorher wasche / und oberwärts abbreche / weil solche gar offt von dem Gifft der Kröten beflecket wird. Oben gedachter Fernelius meldet auch / daß die Salbey dem Magen sehr nützlich sey / denn sie erwärmet denselben / und stärcket ihn / verzehret darinnen die bösen Feuchtigkeiten / und bringet den verlohrnen Essens-Appetit wieder herbey; sie ist auch gut wider die Gicht / Schlag / Lähmung der Glieder und Zittern / innerlich und äusserlich zu gebrauchen.

Die Salbey Morgens nüchtern 3. Blätter gessen mit Saltz und Brod / soll den Menschen selbigen Tag für Gifft und böser Luft bewahren; die Speisen damit bereitet / ist für kalte Naturen dienlich.

Salbey im Mund gekäuet / reiniget das feuchte Haupt vom Schleim / und machet einen guten Athem; die Salbey im weissen Wein gesotten / und damit gegurgelt / benimmet die Schrigkeit des Halses und Mundfäule: Salbey und Wullkraut in Wein gesotten / und darüber gesessen / machet daß der ausgefallene After wieder in Leib gehet. So man Salbey in Wasser siedet / und das Haupt damit wäschet / machet es schwarz Haar / vertreibet die Mülben (Schuppen) / und heylet den Grind.

Die Salbey wird gerühmet / daß sie dienlich sey wider das Zittern / wenn einer mit dessen destillirten Wasser die Hände offt wäschet / oder so man die Salben in das Wasser leget / damit man die Hände waschen will / sie bekommet auch wohl den Keuchenden / Lungensüchtigen (Tuberkulose-Kranken) / und denen / so stätig husten. Gesotten und davon getruncken / bringet sie die verlohrne Monatliche Reinigung wieder / damit aber geräuchert / stilet dieselbe / doch wollen etliche / daß wann die Frauen schwanger seyn / sie nicht viel von der Salbey geniessen sollen / weil solche nicht allein den Urin / sondern auch die Geburt treibet.

Salbey-Wein und Salbey-Bier.

Der Salbey-Wein / auch das Salbey-Bier werden von vielen hoch gehalten / solche anzusetzen / machet man auf folgende Manier.

R. Schöne frische Trauben / zerschneid solche zinckenweise / lege sie etwa Spann hoch in ein Öhmig Fäslein / darauff breite aus sechs Hand voll wohl gewaschener Salbey / alsdenn wieder so viel Trauben und Salbey / und fülle es mit einem guten alten weissen Wein auff.

So man ausser Zeit der frischen Trauben einen guten Salbey-Wein ansetzen will / oder will solchen durch das ganze Jahr erhalten / soll man nehmen Meertrauben Ißiij. Salbey Mxij. / thue solches in ein Fäslein von einer Ohm oder 30. Maaß / darüber gieß guten alten weissen Wein / laß es eine Zeitlang also ruhig liegen / dann kan Morgens oder bey der Mahlzeit ein Glas voll davon getruncken werden.

Solcher Salbey-Wein ist fürtreflich gut wider alle kalte Gepresten des Haupts / als da ist der Schlag / fallende Sucht (Epilepsie) / Schwindel / Zittern und Krampff / wider den kurzem Athem / Lungensücht / Gifft / erwärmet auch den kalten Magen. Nic. Agerius P. I. c. 103. seiner Teutschen Apotheck schreibt / daß die Salbey sonderlich gut sey den erkalteten Weibern / so von Kälte / Feuchte und Schleimigkeit der Mutter und Geburts-Glieder unfruchtbar seyn / und damit die Kälte gedämmet und die überflüssige Feuchtigkeit verzehret werde / dahero solcher Wein billig eine köstliche Weiber-Artzney zu nennen. So wird derselbe auch für ein sonderbares Mittel wider das Fieber gehalten / auch wird er wider die Wassersucht (Ödeme) hoch gehalten.

Das destillirte Salbey-Öel hat wunderbare Krafft / wenn man zwey Tröpffel in weissem Wein einnimmet / das Haupt zu stärcken / vertreibet den Schlag und Schwindel / auch Ohnmachten / bringet die verlohrne Sprache wieder / machet fruchtbar / und vermehret den Saamen (Sperma).

Den Safft von Salbey auf die Glieder gestrichen / und damit gerieben / vertreibet die Flüsse / oder in starken Branntwein getan / zeucht viel Schleim aus dem Gehirn / so man nur ein Blat auf die Zung nimmet. Ærius sagt / daß der Safft gut sey denen so da Blut speyen / denn wenn sie ihn des Morgens nüchtern mit Honig oder Rosenzucker einnehmen / solle sich das Blutspeyen bald stillen.

Salbey gestossen / und auf frische Wunden geleget / soll das Bluten bald stillen. In Wein und Wasser gesotten / und warm im Mund gehalten / stilet das Zahnwehe; auf die Brust geleget / vertreibet sie den Frauen ihre Milch; Pulver von Salbey mit Schweinenschmalz vermenget / und auf den Nabel gestrichen / machet einen weichen Leib.

Man kan auch aus der frischen zerhackten Salbey eine treffliche Essenz mit Branntwein in dem warmen Sand oder an der Sonne ausziehen / welche mit Zucker vermischet ein herrlich Präservativ wider den Schlag ist / stärcket und erwärmet auch die erlähmeten Nerven / das kalte Hirn / Magen und Mutter / machet ein gut Gedächtnüs / und vertreibet den Schwindel.

Wenn man im Brachmonat (Juni) die in dem Bluest stehende Salbey-Schöszlein nebenst den besten säubersten untersten Blätlein zerhacket / hernach Branntwein darüber giesset / daß er ein zwerg Finger hoch darüber stehet / und also 8. Tage wohl vermacht stehen lässet / endlich destillirt / so bekommet man den Spiritum Salviæ, oder Salbey-Geist / welcher ein vortrefflich Schlagwasser ist / auswendig und inwendig in allen Nerven-Kranckheiten / Schlagflüssen und dergleichen zu gebrauchen.

Das destillirte Salbey-Wasser hat wunderliche Krafft / für alle kalte Mängel des Haupts / wehret dem Schlag / fallender Sucht (Epilepsie) und Gichtern (Gicht) / benimmet den Schwindel / erwärmet den Magen / ist gut wider den Husten / so man öfters ein paar Löffel voll davon einnimmt; welche von dem Schlag sprachlos worden sind / denen soll man ein paar Löffel voll dieses Wassers eingiessen / es bringet die verlohrne Rede wieder / und stärcket die erlähmete Zunge. Solch Wasser in die Nase gezogen / reiniget das Haupt / die Hände mit diesem Wasser gerieben / und von ihm selbst lassen trocken werden / vertreibet das Zittern.

Moderne Übersetzung

Salbei / Salvia

Pflanze: Salbei (drei Arten: Breite Salbei / Salvia major; Spitzige / Edle / Kreuz-Salbei / Salvia acuta nobilis – diese ist gebräuchlich und die kleinste ist die beste; Wilde Salbei / Salvia sylvestris – wird nicht gebraucht)

Lateinischer Name: Salvia (von «salvare» = retten / gesund erhalten)

Vier-Säftelehre: Warm im 1. und trocken im 2. Grad; ein bewährtes spezifisches Heilmittel für das kalte, blöde und feuchte Gehirn, die Nerven und die Gebärmutter (nach Fernelius)

Blütezeit: Juli und August

Standort: Gern an guten, gedüngten Orten; wird auch in Gärten gepflegt; Raute wird gerne dabei gepflanzt, da Kröten (die die Salbei sehr lieben) davon abgehalten werden

In Apotheken: Blätter und Blumen; daraus: Salbei-Wein, Salbei-Bier, destilliertes Öl, Saft, Essenz, Geist (Spiritus Salviæ), destilliertes Wasser

Gestalt & Aussehen

      Grosse Salbei: holzige Wurzel, daraus viele viereckige, holzige, rauhaarige, gräulich-grünliche Stängel mit länglichen, löchrigen, weissgrauen bis bräunlichen Blättern, die wohlriechen und gewürzhaft, etwas bitter und scharf schmecken

      Trägt ährenförmig geordnete blaue oder weiss-purpurbraune Blumen, wie bei der tauben Nessel; in Samenhäuslein allezeit vier Körnlein

      Kleine Salbei: der grossen ähnlich, jedoch kleinere Blätter und unten zwei weitere kleine Blättchen wie Ohren gestaltet

      Wichtiger Hinweis: Salbei vorher waschen und oberwärts abbrechen, da sie oft vom Gift der Kröten befleckt wird.

Historisches Zitat – Schule von Salerno

«Cur moriatur homo, cui Salvia crescit in horto?»

(Warum stirbt ein Mensch, dem Salbei im Garten wächst?)

Antwort: «Contra vim mortis non est medicamen in hortis.»

(Gegen die Kraft des Todes gibt es kein Kraut im Garten.)

Eigenschaften nach damaligem Verständnis

Die Salbei ist eines der bekanntesten Kräuter und tut sehr gut dem menschlichen Leben. Sie kann sowohl in der Arznei als auch in der Küche gebraucht werden. Fernelius bezeugt, dass sie ein bewährtes spezifisches Heilmittel für das kalte, blöde und feuchte Gehirn, die Nerven und die Gebärmutter ist. Die Salbei erwärmt den Magen, stärkt ihn, verzehrt die bösen Feuchtigkeiten darin und bringt den verlorenen Essensappetit zurück. Sie ist auch gut gegen Gicht, Schlag (Schlaganfall), Lähmung der Glieder und Zittern, innerlich und äusserlich zu gebrauchen.

Anwendungen & Heilwirkungen

Einfache innerliche Anwendungen

      3 Salbeiblätter morgens nüchtern mit Salz und Brot gegessen: soll den Menschen denselben Tag vor Gift und böser Luft bewahren; die Speisen damit bereitet: dienlich für kalte Naturen

      Im Mund gekaut: reinigt das feuchte Haupt vom Schleim und macht einen guten Atem

      Im weissen Wein gesotten und damit gegurgelt: benimmt die Heiserkeit des Halses und Mundfäule (Mundschleimhautentzündung)

      Gesotten und davon getrunken: bringt die verlorene Menstruation wieder; geräuchert hingegen: stillt die übermässige Menstruation

      Achtung: Schwangere Frauen sollen nicht viel davon geniessen, weil Salbei nicht allein den Urin, sondern auch die Geburt treibt

      Bekommt gut den Keuchenden, Lungenkranken und denen, die stätig husten

      Saft morgens nüchtern mit Honig oder Rosenzucker eingenommen: stillt das Blutausspeien (nach Ærius)

      In Wein und Wasser gesotten und warm im Mund gehalten: stillt Zahnschmerzen

      Auf die Brust gelegt: vertreibt den Frauen die Milch (zum Abstillen)

      Pulver von Salbei mit Schweineschmalz vermengt und auf den Nabel gestrichen: macht einen weichen Leib (löst Verstopfung)

Äusserliche Anwendungen

      In Wasser gesiedet und das Haupt damit gewaschen: macht schwarzes Haar, vertreibt Schuppen und heilt den Grind (Kopfschorf)

      Mit destilliertem Wasser die Hände öfters waschen: gegen Zittern

      Salbei und Wollkraut in Wein gesotten und darüber gesessen: macht dass der ausgefallene After (Mastdarmvorfall) wieder in den Leib geht

      Gestossen und auf frische Wunden gelegt: stillt das Bluten bald

      Saft auf die Glieder gestrichen oder in starken Branntwein getan und damit gerieben: vertreibt Flüsse (Ausfluss), gut gegen Schwindel, zieht viel Schleim aus dem Gehirn; schon ein Blatt auf die Zunge gelegt wirkt

Salbei-Wein und Salbei-Bier

Der Salbei-Wein und das Salbei-Bier werden von vielen hoch gehalten. Nic. Agerius schreibt, dass der Salbei-Wein besonders gut für erkaltete Frauen sei, die durch Kälte, Feuchte und Schleimigkeit der Gebärmutter und Geburts-Glieder unfruchtbar sind – er erwärmt sie und verzehrt die überflüssige Feuchtigkeit. Daher billig eine köstliche Frauen-Arznei zu nennen. Auch gilt er als besonderes Mittel gegen Fieber und gegen Wassersucht (Ödeme).

Rezept mit frischen Trauben:

      Schöne frische Trauben in Scheiben (zinckenweise) schneiden

      Etwa eine Spanne hoch in ein Öhmig Fässchen legen

      Darauf sechs Handvoll wohl gewaschene Salbei ausbreiten

      Wieder so viel Trauben und Salbei schichten

      Mit gutem alten weissen Wein auffüllen

Rezept ohne frische Trauben (ganzjährig):

      Meertrauben 3 Pfund (Ißiij.), Salbei 12 Handvoll (Mxij.)

      In ein Fässchen von einer Ohm oder 30 Maas geben

      Guten alten weissen Wein darübergiessen

      Eine Zeitlang ruhig stehen lassen

      Morgens oder bei der Mahlzeit ein Glas voll davon trinken

Wirkung des Salbei-Weins:

      Gegen alle kalten Gebresten des Haupts: Schlaganfall, Epilepsie (fallende Sucht), Schwindel, Zittern und Krampf

      Gegen kurzen Atem, Lungenkrankheiten

      Gegen Gift

      Erwärmt den kalten Magen

      Vortreffliche Frauen-Arznei für erkaltete, feuchte, schleimige Gebärmutter und Unfruchtbarkeit

      Gegen Fieber und Wassersucht

Destilliertes Salbei-Öl

Dosierung: 2 Tropfen in weissem Wein

      Stärkt das Haupt

      Vertreibt Schlaganfall und Schwindel, auch Ohnmachten

      Bringt die verlorene Sprache wieder

      Macht fruchtbar und vermehrt den Samen

Essenz aus frischer Salbei

Man kann aus der frischen zerhackten Salbei eine treffliche Essenz mit Branntwein im warmen Sand oder an der Sonne ausziehen. Mit Zucker vermischt ist diese ein herrliches Präservativ (Vorbeugungsmittel) gegen Schlaganfall, stärkt und erwärmt die erlahmten Nerven, das kalte Hirn, den Magen und die Gebärmutter, macht ein gutes Gedächtnis und vertreibt den Schwindel.

Salbei-Geist (Spiritus Salviæ)

Zubereitung:

      Im Brachmonat (Juni) die in der Blüte stehenden Salbei-Schösslein nebst den besten, saubersten untersten Blättchen zerhacken

      Branntwein darübergiessen, sodass er einen Querfinger hoch darüber steht

      8 Tage gut verschlossen stehen lassen

      Endlich destillieren

      → Man bekommt den Spiritum Salviæ (Salbei-Geist), ein vortreffliches Schlagwasser.

Anwendung:

      Äusserlich und innerlich in allen Nervenkrankheiten, Schlagflüssen und dergleichen.

Destilliertes Salbei-Wasser

      Für alle kalten Mängel des Haupts

      Wehrt dem Schlaganfall, der Epilepsie (fallenden Sucht) und Gicht

      Benimmt den Schwindel

      Erwärmt den Magen

      Gut gegen Husten: öfters ein paar Löffel voll einnehmen

      Bei Sprachlosigkeit nach einem Schlag: ein paar Löffel voll eingiessen; bringt die verlorene Sprache wieder und stärkt die erlahmte Zunge

      In die Nase gezogen: reinigt das Haupt

      Die Hände damit gerieben und von selbst trocknen lassen: vertreibt das Zittern.

Hinweis: Diese Anwendungen entstammen einem frühneuzeitlichen Kräuterbuch und spiegeln den damaligen Wissensstand wider. Salbei enthält Thujon und andere Wirkstoffe; grosse Mengen destilliertes Öl oder Branntwein-Extrakte sollten nicht eingenommen werden. Sie ersetzen keine moderne medizinische Beratung.


 

SENF / WEISSER UND SCHWARZER GARTENSENF

1:1 Übersetzung aus dem Originalwerk

Senff / im Lateinischen Sinapi genannt / ist gemeiniglich dreyerley Geschlechts / die ersten zwey werden in Gärten gesäet / und die dritte Art wächset wild. Der erste Garten-Senff wächset wie Rübenkraut / mit einem langen ellen-hohen haarigen Stängel / und vielen Nebenaestlein / bringet gelbe wohlriechende Blumen / daraus werden die runde haarige Schötlein / in welchen der weisse / rundte / grösser als in den wilden und nicht so scharffe Saamen als in dem gemeinen Senff verborgen lieget; die Wurzel ist einfach / weiß und holzig / und die Blätter wie an den Rüben gestaltet / tieff eingeschnitten / oben und unten haarig.

Der ander Garten-Senff gewinnet auch einen rauhen / runden mehr als Ellen hohen Stängel / seine Blätter sind zerkerbt / und dem Kraut des weissen Senffs ähnlich / die Blumen kommen bisweilen weiss / und zu Zeiten gelb / wohlriechend und vierblättig / werden zu glatten ziemlichen kurzen vierecketen Schötlein / darinnen stecken 7. biß 8. rötlechte Saamen / der schärffer ist als die ersten / die Wurzel ist weiß / holzig / zerbrüchlich / und faselet.

In den Apotheken hat man den Saamen / er erwärmet und trocknet im 4. Grad / incidirt / machet dünn / ziehet Blasen / man soll den Saamen / welcher frisch und wohl zeitig / derb und rothlecht ist / wol auslesen / denn der alte ist mehr bitter als scharff / weil er im hohen Sommer blühet / so wird sein Saame erst im Augustmonat reiff / er hat die Eigenschafft zu erdünnern / den versessnen Schleim zu verzehren / den Magen zu stärcken / die Dauung zu befördern / durch die Nieren und Blasen zu treiben / auch äusserlich anzuziehen / und die Haut roth zu machen / die zeitigen Geschwär zu öffnen / und zum Niessen zu bewegen.

Er purgirt das Haupt / widerstehet dem Gifft / derowegen er nicht ohn Ursach zu der Composition der Elecuari / welcher ovum aureum genannt wird / als ein Principalstück hinzu gethan worden; mit Zucker überzogen / und mässig gessen / machet ein gut Gedächtnuß.

Wird auch mit gutem Nutzen denen / so den Schwindel haben / so zum Schlag geneigt seyn / auch denen so mit der Gicht und dem Scharbock behafftet / zu essen gegeben / welchen Gebrechen er kräfftiglich widerstehet / dahero auch etliche den Senff in Wein legen / und davon trincken; ist auch zerstossen in ein dünn Tüchlein binden / in Wein legen / nichts besser / wievol gut wider den Stein; den unmässigen Mondfluss hemmet nichts besser / wievol Avicenna dargegen ist / als der Rauch von Senff von unten empfangen / ist ein Secretum / so offtmal probirt.

Äusserlich wird er gebrauchet in die Nase gethan / und wird genommen zu den Sinpilmis / Vesicatoriis / und den jenigen Pflastern und Salben / so die Materi aus der Haut ziehen sollen / dienet auch zu den frischen Geschlecht-Mählern / dieselbe damit zu bestreichen. Wenn man den Senff klein zerstossen für die Nase hält / machet er niesen; auf gleiche Weise gebrauchet / dienet er auch wider die hinfallende Sucht / und den Weibern / so vom Mutter-aufstteigen dahin fallen.

Ein Pflaster von Senffmehl gemacht / und auf die geschwollene Miltz geleget / zertheilet die Geschwulst und Hüfftwehe; mit Essig gestossen / und übergeleget / ziehet es das Gifft von Scorpionstich und Schlangen aus den Wunden.

Sonst machet man auch bey uns einen Mosterich vom neuen Wein oder Essig also:

Mostarda.

R. Senffssaam ein halb lb. Gieß Wein mit ein wenig Salz darauf / thue darzu Citron-Conserv. tbv. Gebränt Honig (Melazzo) tbiij. Zvj. Klein zerschnittene Pomeranzenschale Zxij. Gestossen Nägelin Ziij. Bereite davon ein Mostart.

Oder bereite solchen auf folgende Manier:

Mostard.

R. Quitten-Conserva tbv. Mellacii tbiij. Mit Honig condirte Citronschal / klein zerschnitten Zxij. Gestossen Nägelin Zvj. Bereite daraus wie oben ein Mostarda.

Eingemachter Senff.

R. Süssen Most / lasset solchen mit etwas Quitten / Nägelin und Zimmet die Helffst einsieden / seih solchen / darein wird so viel Senffmehl gerühret / biß es die rechte Dicke hat.

Oder man nimmet Senffmehl / so viel man will / machet darnach siedenden Essig / bricht den Senff damit / und kochet ihn zur rechten Dicke / daß er sich kan aufbehalten lassen / darnach rühret man ein glühend Eisen darinn umher / biß es kalt wird / dieses benimmt ihm die Schärffe und Bitterkeit.

Dieser also angemachte Senff mit den Speisen genossen / reiniget das Haupt / erwärmet den Magen / verzehrt die überflüssigen tartarischen Feuchtigkeiten in der Milzsucht / fördert den Harn und Monat-Reinigung / wärmet die Brust / machet viel auswerffen / ist also den Engbrüstigen nützlich / bekommet aber den Augen nicht wol / so man zuviel dessen gebrauchet.

Für die Entzündungen / Schmerzen und röthe der Augen kan man davon bereiten folgenden

Überschlag.

R. Zu Myes gekochte und zerstossene Feigen Zij. mische darunter Senffmehl Zij. Weisswurtz Zj. Geschabene Benedisch Seiffe Ziij. Anacardienhonig so viel nöthig. Mache ein dick Pflaster daraus / streich es gen auf ein Tuch / lege es übers Genick / laß liegen / und erfische solches bisweilen / biß die Haut ganz roth worden / es ziehet die Flüss von Augen und Ohren zurück / daß auch das Gehör wieder kommt.

Es hat auch der oben bedeutete angemachte Senff grosse Krafft / das scharbockische Geblüt zu reinigen / den Scharbock des Mundes zu stillen / wann man auch nur den Saamen im Mund kauet / wie auch vor Schlagflüssen / Schlaff-Kranckheiten zu bewahren / zu welchem Ende etliche alte Personen den Saamen verzuckern lassen / und täglich davon essen.

Senffmehl mit Honig und ein wenig scharffen Essig zu einem Sälbel gemacht / auf Tuch gestrichen / und also auf das zuvor geschorne Haupt geleget / so lang liegen lassen / biß die Haut davon roth worden / vertreibt die Schlaffsucht / Schwindel und Schlagflüsse.

Ein köstlich Zugpflaster für Zahnwehe wird auf folgende Weise bereitet:

Zahn-Pflaster.

R. Taubenmist / Senffmehl / aa. Ziß. Pfeffer Ziß. Stoß alles unter einander zu reinem Pulver / mische ein wenig Pech und Terpentin darzu / rühr es zu einem zähen wohlklebenden Pflaster / streich davon eines Thalers gross auf Leder oder Taffet Band / lege es an die Schläff und hinter die Ohren / und laß es immer drauf liegen / biß es von selbsten abfällt; es ziehet die Flüsse von Augen / Ohren und Zähnen weg / und vertreibt also die Schmerzen solcher Glieder.

Senff und Kresssaamen in ein Bündslein gebunden / weissen alten Wein drüber geschüttet / und allzeit bey dem Essen den ersten Trunck davon gethan / stärckt die Dauung des Magens / reiniget das Geblüt / und vertreibet ohnfehlbar allen Scharbock.

Senffssaamen mit Honig und Tragantschleim (durch weiß Lilienwaaser ausgezogen) vermischet / über die Massen / Flecken und Flechten des Angesichts und andere Theile täglich gestrichen / nimmet sie sauber hinweg / und machet eine schöne zarte und liebliche Haut.

Moderne Übersetzung

Senff / Senf

Pflanze: Sinapis alba / Brassica nigra (Weisser und Schwarzer Senf)

Familie: Kreuzblütengewächse (Brassicaceae)

Lateinischer Name: Sinapi

Arten: Drei Arten: erster und zweiter Garten-Senf (beide kultiviert), dritter wächst wild

Vier-Säftelehre: Warm und trocken im 4. Grad; schneidend, verdünnend, Blasen ziehend, den Schleim verzehrend

Reifezeit: Samen wird erst im August reif

In Apotheken: Samen; Senfmehl; Mostarda; eingemachter Senf; Zugpflaster; Überschlag

Gestalt & Aussehen

      Erster Garten-Senf: langer, ellen-hoher, haariger Stängel mit vielen Nebenästlein; gelbe wohlriechende Blumen; runde haarige Schötlein mit weissen, runden, weniger scharfen Samen; weisse, holzige Wurzel; Blätter wie Rüben, tief eingeschnitten

      Zweiter Garten-Senf: rauerer, mehr als ellen-hoher Stängel; bisweilen weisse, bisweilen gelbe Blumen; kurze viereckige Schötlein mit 7–8 rötlichen Samen (schärfer als die ersten); weisse, holzige, zerbrechliche Wurzel

Eigenschaften nach damaligem Verständnis

In den Apotheken hält man den Samen vorrätig; man soll frischen, zeitigen, derben und rötlichen Samen auslesen, denn der alte ist mehr bitter als scharf. Wärmt und trocknet im 4. Grad; schneidet, macht dünn, zieht Blasen; Eigenschaft: verdünnt den versessenen Schleim, verzehrt ihn, stärkt den Magen, befördert die Verdauung, treibt durch Nieren und Blasen, zieht äusserlich an, macht die Haut rot, öffnet zeitige Geschwüre, bewegt zum Niessen. Purgiert das Haupt; widersteht dem Gift.

Anwendungen & Heilwirkungen

Innerliche Anwendungen

      Mit Zucker überzogen und mässig gegessen: macht ein gutes Gedächtnis

      Gut denen mit Schwindel, Schlaganfall-Neigung, Gicht und Scharbock: Senf zerstossen in Tüchlein binden, in Wein legen, davon trinken

      Gut wider den Stein

      Den unmässigen Mondfluss hemmt nichts besser als Rauch von Senf von unten empfangen (ein oft probiertes Secretum)

      Senf und Kressesamen in ein Bündslein, weissen Wein drüber, beim Essen den ersten Trunk davon: stärkt die Verdauung, reinigt das Geblüt, vertreibt unfehlbar den Scharbock.

Äusserliche Anwendungen

      In die Nase getan: bewegt zum Niessen; gegen hinfallende Sucht und Mutter-Aufsteigen

      Pflaster aus Senfmehl auf die geschwollene Milz: zerteilt die Geschwulst und Hüftschmerzen

      Mit Essig gestossen und aufgelegt: zieht Gift von Scorpionstichen und Schlangenbissen aus Wunden

      Senfmehl mit Honig und scharfem Essig zu Sälbel auf geschorenes Haupt: vertreibt Schlafsucht, Schwindel und Schlagflüsse

      Senfsamen mit Honig und Tragantschleim über Flecken und Flechten des Gesichts: macht eine schöne, zarte und liebliche Haut.

Mostarda (erste Art)

Rezept:

      Senfsamen, ½ Pfund; Wein mit wenig Salz daraufgiessen

      Zitronen-Konserve, 5 Pfund

      Gebrannter Honig (Melazzo), 3 Pfund 6 Drachmen (ca. 1,5 kg)

      Klein zerschnittene Pomeranzenschale, 12 Drachmen (ca. 44,4 g)

      Gestossene Nelken, 3 Drachmen (ca. 11,1 g)

Zubereitung: Daraus einen Mostard bereiten.

Mostarda (zweite Art)

Rezept:

      Quitten-Konserva, 5 Pfund; Melasse, 3 Pfund

      Mit Honig kondierte Zitronenschale, klein zerschnitten, 12 Drachmen (ca. 44,4 g)

      Gestossene Nelken, 6 Drachmen (ca. 22,2 g)

Zubereitung: Wie oben einen Mostard bereiten.

Eingemachter Senf

Entweder: Süssen Most mit Quitten, Nelken und Zimt bis auf die Hälfte einsieden; seihen; Senfmehl einrühren bis zur rechten Dicke. Oder: Senfmehl mit siedendem Essig anmachen; zur rechten Dicke kochen; ein glühendes Eisen darin umrühren bis kalt – nimmt die Schärfe und Bitterkeit.

Mit den Speisen genossen: reinigt das Haupt, erwärmt den Magen, verzehrt tartarische Feuchtigkeiten in der Milzsucht, fördert Harn und Monatsreinigung, wärmt die Brust, befördert das Auswerfen – nützlich für Engbrüstige.

Überschlag für Augen-Entzündungen

Rezept:

      Zu Brei gekochte und zerstossene Feigen, 2 Drachmen; Senfmehl, 2 Drachmen; Weisswurz, 1 Drachme; Geschabene Venetianische Seife, 3 Drachmen; Anacardien-Honig nach Bedarf

Zubereitung:

Dickes Pflaster machen, aufs Tuch streichen, übers Genick legen; bis Haut ganz rot wird. Zieht Flüsse von Augen und Ohren zurück; das Gehör kann wiederkommen.

Zahn-Pflaster

Rezept:

      Taubenmist, Senfmehl, je ½ Drachme; Pfeffer, ½ Drachme

      Zu Pulver stossen; Pech und Terpentin darunter; zu zähem Pflaster rühren

      Talergross auf Leder oder Taffetband streichen; an Schläfe und hinter Ohren legen – bis es von selbst abfällt

Zieht Flüsse von Augen, Ohren und Zähnen weg; vertreibt die Schmerzen.

Hinweis: Diese Anwendungen entstammen einem frühneuzeitlichen Kräuterbuch und spiegeln den damaligen Wissensstand wider. Sie ersetzen keine moderne medizinische Beratung.